Mein Leben mit Briefmarken
Geboren wurde ich am D-Day, d. 07. Juni 1944, in einem kleinen Dorf am Rande der Lüneburger Heide. Leider hatte ich nicht das Glück, vom Vater oder Großvater eine Briefmarkensammlung zu erben, in der die altdeutschen Staaten und vielleicht sogar ein schwarzer Einser zu finden waren. Die erste Briefmarke, die mir richtig auffiel, war die Sondermarke ,Verkehrsunfall-Verhütung“ von 1953. lch fand sie so interessant, dass ich beschloss, Briefmarken zu sammeln. Als erstes ging ich im Dorf von Haus zu Haus und fragte, ob ich einmal auf dem Dachboden suchen könne, was in der Regel gestattet wurde. Es kamen sehr interessante Briefe zum Vorschein, von denen die Marken natürlich abgelöst wurden.
ln der Schule gab es schon einige Sammler, sodass mit dem Tauschen begonnen werden konnte.
Die meist unscheinbaren Marken des frühen deutschen Reiches und der deutschen Kolonien
wurden eingetauscht gegen hübsche und großformatige Marken von z. B. Monaco und San
Marino. Neuerscheinungen wurden am Postschalter gekauft, wobei meist wegen des
bescheidenen Taschengeldes auf den Höchstwert verziehtet werden musste; besonders bei den
Zuschlagmarken. Erst langsam wurde mir klar, dass man Fehler machen muss, um daraus lernen
zu können.
Noch mehr Fehler machten aber die Menschen, die in den 60-er-Jahren begannen, Briefmarken in
größerer Menge mit der Hoffnung auf Preissteigerungen zu kaufen. Die Post warb mit der ,,Aktie
des kleinen Mannes“ und der Preisentwicklung des Posthornsatzes. Dass die Auflagen jetzt bis
zu 30 Millionen stiegen, wurde nicht erwähnt. Heute werden diese ,,Sammlungen“ vererbt und die
Erben sind furchtbar enttäuscht, dass sie unverkäuflich sind. Dem großen Angebot steht keine
Nachfrage gegenüber. Wenn dann noch teure Vordruck-Alben verwendet wurden, ist es besser,
nicht darüber nachzudenken, wieviel Geld verbrannt wurde. Dieser Boom hatte aber auch Vorteile:
Die Wohlfahrtsverbände nahmen stattliche Beträge ein.
1960 stand bei mir die Entscheidung für einen Beruf an. Als inzwischen begeisterter Sammler
beschloss ich, in Hamburg eine Lehre als Exportkaufmann zu beginnen, da durch den Kontakt in
viele Länder sicher viele Briefmarken aus aller Welt zusammen kommen. Tatsächlich entstand
dadurch der Grundstock fur Sammlungen diverser Länder in Europa und Übersee..
In den nächsten Jahrzehnten lag der Schwerpunkt auf Beruf und Familie. Trotzdem fand ich die
Zeit, gelegentlich auf Auktionen Ländersammlungen zu erstehen, die nach und nach ausgebaut
wurden. Mein Ziel war dabei nicht, ein Land vollständig zu sammeln, sondern die unterschiedlichen
Gestaltungsmöglichkeiten zu zeigen. Jedes Land hat seinen eigenen Stil, der sich im
Laufe der Jahre ändert. lch habe auch keine übertriebenen Ansprüche an die Qualität. Eine
Falzmarke ist für mch durchaus akzetabel, denn ich betrachte meine Marken von der Vorderseite
und nicht von hinten.
ln den letzten Jahren meiner beruflichen Tätigkeit hatte ich viel Kontakt zu Russland und begann,
die Marken der Sowjetunion und der Rusischen Föderation ab 1992 zu sammeln. Als mein
Händler aus Altersgründen aufgab, übernahm ich 2002 sein Geschäft und belieferte ca. 30
Abonnenten mit Neuheiten. ln den Jahren danach stellte ich fest, dass die Philatelie wirklich ein
Hobby von älteren Männern ist und dass der Nachwuchs fehlt. Bis heute sind bis auf zwei
Sammler alle meine Kunden verstorben. Bemerkenswert ist aber, dass alle auch im hohen Alter
von bis zu 96 Jahren engagierte Sammler waren. Soweit ich es feststellen konnte, hatte kein Erbe
lnteresse an einer Fortführung der Sammlung. Wenn heute sehr hochwertige Einzelstücke und
Sammlungen verkauft werden, dienen sie wohl mehr der Kapitalanlage.
In den leEten Jahren habe ich meine Aktivitäten verlagert. lch konnte mehrere umfangreiche
Sammlungen von Erben übernehmen, die ich gegen Erfolgshonorar verwertete. Das Nutzen
verschiedener Möglichkeiten dauert zwar länger als der Verkauf über eine Auktion, bietet aber
bessere Chancen. Viele Kontakte, jahrzehntelange Erfahrungen und umfangreiche Marktkenntnisse
führten in allen Fällen zu interessanten Erlösen, die aber natürlich weit unter den dafür
ausgegebenen Beträgen lagen. Jedes Hobby kostet nun einmal Geld. Wichtig ist, dass der
Sammler über Jahrzehnte hinweg eine sinnvolle Beschäftigung hatte, die ihm viel Freude bereitet
hat.
Seit einigen Jahren bin ich Stellvertreter des Vorsitzenden des Briefmarkensammlervereins
Landshut e.V., der seit über 100 Jahren besteht. Zweimal monatlich treffen sich ca. 20 bis 25 der
rund 100 Mitglieder zu einem Tauschtreffen. Auch in unserem Verein liegt das Durchschnittsalter
hoch und es mangelt an Nachwuchs. Wer aber dabei ist, pflegt sein Hobby und hat Freude daran .
Die Philatelie wird immer wieder totgesagt, aber sie lebt weiter; allerdings ganz anders als damals,
als ich damit anfing.
Hans Werner Timm

