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„Zukunft der Innenstädte“

Pannermayr: „Innenstädte sind das Herz und das Gesicht unserer Städte“

– Corona-Pandemie bringt einschneidende Änderungen für den innerstädtischen Handel.

– Der Wandel ist ein Kraftakt, braucht Finanzausstattung und Steuerungsmöglichkeiten. 

„Städte erfüllen Funktionen und sie wecken Emotionen. Menschen wohnen in der Stadt, sie arbeiten in der Stadt, sie leben in der Stadt – sie kaufen dort ein und verbringen ihre Freizeit in der Stadt. Menschen gehen gerne, in die Stadt‘, um sich dort mit anderen Menschen zu treffen: zu Kultur, Geselligkeit und Gastronomie. Innenstädte sind das Herz und das Gesicht unserer Städte und Gemeinden, sie sind ein Ankerpunkt für die Menschen“, sagt der Vorsitzende des Bayerischen Städtetags, Straubings Oberbürgermeister Markus Pannermayr. Die Corona-Pandemie hat Innenstädte und Ortskerne auf die Funktionalität von Einkaufen und Versorgung beschränkt. Der Lock-Down hat Problemfelder der Städte wie unter einem Brennglas gezeigt: Digitalisierung und Online-Handel, der demografische Wandel und eine flexible Arbeitswelt mit Home-Office, geänderte Lebens- und Kaufgewohnheiten waren einige der Rahmenbedingungen, die bereits vor der Corona-Pandemie große und kleine Städte vor Herausforderungen gestellt haben. Pannermayr: „Für die Städte stehen einschneidende Änderungen bevor. Allerdings ist für Städte der Wandel ein beständiges Phänomen. Städte haben in ihrer Geschichte immer wieder Umformungen und Neuerungen erlebt. Städte ergreifen neue Rahmenbedingungen als Chance, um mit ihrer Einwohnerschaft, mit Wirtschaft und Handel den Wandel zu gestalten und positive Effekte zu erzielen. Das aktuelle Experimentieren mit Pop-Up-Nutzungen weitet den Blick und zeigt innovative Chancen, um Ortskerne attraktiv zu halten. Die Zentren der Zukunft bieten eine Plattform für Leben, Erleben und Begegnen in der Stadt.“ 

Die Steuerungsmöglichkeiten der Kommunen müssen gestärkt werden. Das Bauplanungsrecht muss die bodenrechtliche Handlungsfähigkeit der Kommunen erweitern. Hilfreich wäre ein generelles Vorkaufsrecht für Städte zum Verkehrswert, damit Städte und Gemeinden Spekulation mit Immobilien und Leerstand von Gebäuden vermeiden können und damit eine Chance auf Gestaltung erhalten. Pannermayr: „Eine Herausforderung liegt für das strategische Flächenmanagement in Städten darin, Immobilienbesitzer beim Wandel der Innenstädte als Verbündete zu gewinnen. Wenn solvente Mieter wie Handelskonzerne oder Filialketten wegfallen, müssen für die Nachnutzung neue Zielgruppen gesucht werden und neue Nutzungskonzepte für Liegenschaften entwickelt werden. Dies erfordert Flexibilität und Bereitschaft von Immobilienbesitzern, sich auf die Belange neuer, vielleicht auch kurzfristiger, Mieter einzulassen.“

Die Folgen des Klimawandels sind in den Städten zu spüren: Hitzewellen treffen die dicht bebauten Ortskerne und versiegelten Flächen, da sich hier Wärme speichert, Straßen und Plätze kaum durchlüftet sind. Die Menschen in Städten leiden unter Hitzestress – dies geht zu Lasten der Attraktivität der Innenstädte. Städte müssen noch intensiver als bisher grüne und blaue Infrastruktur schaffen. Es geht darum, mehr Grünflächen und Wasser in die Stadt zu bekommen: auf Plätzen, am Straßenrand oder mit Urban Gardening auf kleinen Flächen, an Häuser-Fassaden mit Wildem Wein, Wiesen auf Flachdächern oder in Hinterhöfen mit Bäumen und kleinen Gärten.Gerade in heißen Sommermonaten wirken Bäume wohltuend, die Schatten spenden und Regenwasser speichern. Die Öffnung von ehemaligen Stadtbächen, mehr Wasserflächen und Brunnen erhöhen die Aufenthaltsqualität. All diese Einzelteile tragen in der Summe dazu bei, das Stadtklima zu verbessern.

Pannermayr:„Die Veränderung der Städte und Ortskerne ist ein Kraftakt für alle Beteiligte. Ohne eine angemessene Finanzausstattung der Städte und Gemeinden lässt sich diese enorme Herausforderung nicht schultern. Die Finanzhilfen müssen breit und auf Dauer angelegt sein, da die Kommunen Planungssicherheit für die Transformation der Innenstädte und Ortszentren brauchen. Bestehende Förderinstrumente müssen noch mehr daran orientiert werden, die Zentren zu stärken. Nötig sind unkomplizierte Förderbedingungen und flexible Ordnungsvorschriften. Wir brauchen mehr Mut zu weniger Bürokratie und mehr Improvisation.“ Die Städtebauförderung, die über 50 Jahre hinweg gute Erfolge erzielen konnte, muss finanziell aufgestockt und inhaltlich fortentwickelt werden.

Das Tagungspapier steht im Internet zum Herunterladen bereit: www.bay-staedtetag.de

Jung: „Innenstädte sind mehr als nur Standorte des Handels“

– Kreative Lösungen für die Ortszentren geben positive Impulse für die Städte.

– Wandel der Städte durch Automobilisierung, Fußgängerzonen, Handel im Umbruch. 

„Die Städte packen die Umgestaltung ihrer Zentren an. Der strukturelle Wandel verläuft von Stadt zu Stadt unterschiedlich, da Rahmenbedingungen, örtliche Gegebenheiten und Einwohnerzahlen verschieden sind. Kreative Lösungen für die Ortszentren geben positive Impulse für die Städte,“sagt der erste stellvertretende Vorsitzende des Bayerischen Städtetags, der Fürther Oberbürgermeister Dr. Thomas Jung. Der BAYERI-SCHE STÄDTETAG 2021 in Aschaffenburg begleitet die Diskussion mit einem Tagungspapier zur „Zukunft der Innenstädte und Ortskerne“. Das Tagungspapier erarbeiteten kommunale Praktiker mit Experten für Städtebau, Denkmalschutz, Verkehrsplanung, Immobilien, Wohnen, Handel, Handwerk, Gastronomie, Tourismus, Soziales, Bildung, Kultur- und Kreativwirtschaft, Sport, Umwelt und Klimaschutz. Das Papier öffnet Diskussionsgrundlagen auch mit Stimmen von BürgerInnen, zeigt Möglichkeiten und gibt Praxis-Anregungen.

Das Tagungspapier leistet eine Bestandsaufnahme, von welchen Entwicklungen im 20. Jahrhundert die Städte geprägt waren. Die über Jahrhunderte gelebte Einheit von Wohnen, Handel, Handwerk und Gastronomie wurde abgelöst von einer funktionalen Trennung in Wohnen und Arbeit, was mehr Verkehr verursachte und Wohnsiedlungen am Rand wachsen ließ. Jung: „In den 1960er Jahren prägte die Automobilisierung die Gestalt der Städte: Marktplätze wurden zu Parkplätzen, das Auto bestimmte das Stadtbild. Seit den 1970er Jahren nahm die Ausweitung von Fußgängerzonen zu: Warenhäuser waren Kristallisationspunkte für Konsummeilen im Zentrum. Seit den 1980er Jahren breiteten sich Handelsketten und internationale Markenläden in den Zentren aus, sie verdrängten inhabergeführte Traditionsläden. Seit den 1990er Jahren entstanden an Zufahrtstraßen an Ortsrändern Lebensmittel-Discounter und Baumärkte. Dies geht zu Lasten des Handels in Innenstädten. Derzeit schließen Filialketten und Kaufhäuser in den Zentren, weil Umsätze einbrechen und der Online-Handel wächst.“

Heute erscheint die Funktionseinheit der Städte der Vergangenheit als Orientierungspunkt für die Städte der Zukunft: Die Einheit von Leben und Arbeiten gewinnt wieder an Bedeutung. Einige Handelsketten und Filialisten geben ihre Standorte auf und setzen auf Online-Handel. Mehrstöckige Warenhäuser konzentrieren sich auf das Erdgeschoß. Jung: „Handel gehört traditionell in die Stadtzentren. Aber Innenstädte sind mehr als nur Standorte des Handels, sie sind Orte für Leben, Erleben und Begegnen. Nach dem Vorbild der Stadt von einst kann es mehr Raum für Wohnen im Zentrum geben. Unten ist das Geschäft, oben die Wohnung.“ Es bieten sich neue Nutzungen und ein breiter Mix mit Handwerk, Kunsthandwerk, Dienstleistung, Tourismus, Bildung, Kultur- und Kreativwirtschaft. Inhabergeführte Läden bekommen wieder eine Chance, etwa Lebensmittelgeschäfte für Regionalprodukte, die wiederum gut zum Angebot regionaler Wochenmärkte passen. Zentren können verstärkt zum Lern-Ort werden, mit Bibliotheken, Volkshochschulen, Musikschulen. Kultur und Gastronomie bringen Leben in die Zentren. Jung:„Ein Trend ist das Leben im Freien mit Straßencafés und Restaurant-Tischen unter Sommer-Himmel. Fachleute sprechen von der Mediterranisierung des öffentlichen Raums. Manche bayerische Stadt tituliert sich mit Augenzwinkern als nördlichste Stadt Italiens. Und Aschaffenburg, Gastgeberstadt des BAYERISCHEN STÄDTETAGS 2021, bezeichnet sich als bayerisches Nizza.“ 

Die städtischen Plätze beleben sich: Open-Air-Konzerte und Kabarett, Freiluftkinos, Stadtstrände, temporäre Spiel- und Sportflächen öffnen neue Nutzungsmöglichkeiten für die Innenstädte. Im Sommer 2020 hat die Corona-Pandemie dazu geführt, dass mehr Experimente für Freiluft-Gastronomie zugelassen wurden – Parkplätze am Straßenrand sind zeitweise verschwunden zugunsten von Restaurant-Tischen, orientiert am Vorbild der Schanigärten in Wien oder der Straßengastronomie in italienischen Städten. Jung:„Städte gehen mit Experimentierfreude und Improvisationsgeschick daran, den Ortszentren neuen Schwung zu geben. Das funktioniert in vielen Fällen gut, kann aber in manchen Fällen auch mal scheitern. Die Städte ändern ihre Gestalt, aber bei all dem Wandel bleibt eine Kontinuität bestehen: Innenstädte erfüllen ihre Funktionen für Arbeit, Wohnen und Handel – sie bleiben das pulsierende Herz unserer Städte.“

Das Tagungspapier steht im Internet zum Herunterladen bereit: www.bay-staedtetag.de

Loth: „Jede Stadt hat ihren eigenen Charme und kann an ihren Vorzügen arbeiten“

– Öffentliche Räume der Begegnung für Bildung und Kultur machen Innenstädte attraktiv.

– Städte brauchen Mut für Experimente bei der Gestaltung der Ortszentren. 

„Innenstädte und Ortszentren sind Keimzellen des städtischen Lebens. Jede der Mitgliedstädte und Mitgliedgemeinden des Bayerischen Städtetags ist unterschiedlich. Jede Stadt hat ihren eigenen Charme und kann an ihren Vorzügen arbeiten. Jede Stadt sucht eigene Wege, orientiert sich gleichzeitig an den Erfahrungen der anderen. Allen Städten und Gemeinden ist gemeinsam, dass die Zentren Wohnort, Arbeitsort, Ort der Versorgung mit Waren und Dienstleistungen sind. Jeder zentrale Ort hält Leistungen für Kinderbetreuung, Schule, Erwachsenenbildung und Kultur vor. Und alle Städte machen sich Gedanken, wie sie die Aufenthaltsqualität verbessern, wie sie barrierefreie Räume gestalten, mit welchen Verkehrsmitteln sie erreichbar sind und wie sie öffentliche Räume gestalten können. Im Alltag geht es natürlich auch um Parkplätze, Mülleimer und öffentliche Toiletten,“ sagt der Weilheimer Erste Bürgermeister Markus Loth, zweiter stellvertretender Vorsitzender des Bayerischen Städtetags.

Ganz im Sinn des Leitmotivs von „Leben – Erleben – Begegnen“ des Tagungspapiers zum BAYERISCHEN STÄDTETAG 2021 zur Zukunft der Innenstädte haben in Ortszentren soziale und kulturelle Einrichtungen eine hohe Bedeutung. Dazu gehören Bildungsangebote sowie das weite Feld der Kultur- und Kreativwirtschaft. Loth: „Das Spektrum reicht von Kindertagesstätten in der Innenstadt bis zu Altenservicezentren und Gesundheitseinrichtungen. Dies sind konsumfreie Räume für Bewohner und Besucher – hier verbirgt sich ein enormes Potential. Leerstehende Geschäfte lassen sich vorübergehend über Pop-Up-Nutzungen bespielen oder können dauerhaft zu Flächen für Bildung, Kultur und Kreativität umgewandelt werden.“

Es sind öffentliche Räume der Begegnung, die unsere Innenstädte und Zentren attraktiv machen, für Jugendliche, Erwachsene und die ältere Generation. Volkshochschulen, Musikschulen, Schulen, Museen und Bibliotheken schaffen Frequenz für die Innenstädte. Dieser Zulauf an Menschen belebt wiederum die Geschäfte, Cafés, Freiluft-Gastronomie und Gasthäuser in den Städten und wirkt wiederum belebend für den Tourismus. Loth: „Jede Stadt muss ihre Qualitäten erkennen und muss auf die Bedürfnisse der Menschen achten. Neben dem Einkaufen im Einzelhandel gibt es viele weitere gute Gründe, in die Innenstadt zu gehen – für Stadtbewohner ebenso wie für Gäste aus nah und fern.“

Eine der Kernfragen für vitale Innenstädte ist die Mobilität und die Erreichbarkeit: Unterschiedliche Verkehrsteilnehmer haben vielfältige Erwartungen – Fußgänger, Fahrräder und Lastenräder, öffentlicher Nahverkehr, Handwerker, Pflege- und Fahrdienste, Taxis und Lieferverkehr, Kurier- und Paketdienste, Car-Sharing und E-Roller. Fahrzeuge benötigen eine besondere Ladeinfrastruktur, Parkplätze, Abstellflächen oder Lieferbereiche. Hilfreich ist dank der innovativen Möglichkeiten der Digitalisierung eine smarte Vernetzung von Mobilitätsangeboten mit Mobilitäts-Apps. Loth: „Stadtzentren mit ihren Marktplätzen sind traditionelle Orte der kurzen Wege. Sie bieten somit besondere Perspektiven und zeigen Chancen für eine autofreie oder autoarme Stadt mit Fußwegen und Radwegen oder Shared-Spaces zur gemeinsamen rücksichtsvollen Nutzung von Verkehrsmitteln.“ 

Eine nachhaltige Siedlungsentwicklung setzt auf eine Stadtentwicklung, die vom Zentrum ausgeht. Die Landesplanung muss wieder verstärkt darauf achten, leistungsfähige Ortszentren zu schaffen und zu stärken. Innenstädte und Ortskerne versorgen die Gesamtstadt und das Umland. Städte müssen den Prozess der Veränderung im Innern aktiv steuern. Loth: „Es geht darum, sich neuen Rahmenbedingungen zu öffnen, neue Wege zu wagen, Innenstadt neu zu denken. Der Mut zu Experimenten und vorübergehenden Lösungen kann helfen. Kommunen brauchen mehr Gestaltungsfreiheit. Es muss möglich sein, mehr zu experimentieren und mehr zu improvisieren. Manchmal hilft es, Dinge einfach mal auszuprobieren, auch wenn man Gefahr läuft, damit zu scheitern.“ Und es geht darum, Akteure und Betroffene von Stadtgesellschaft, Handel, Gastronomie und Stadtverwaltung zu beteiligen. Ein strategisches Flächenmanagement kann Investoren und Immobilieneigentümer zusammenführen, um der Innenstadt Impulse zu geben. 

Das Tagungspapier steht im Internet zum Herunterladen bereit: www.bay-staedtetag.de

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