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Mediziner warnen vor zu viel Digitalisierung im Unterricht

Bezirkstagspräsident: Müssen technologischen Wandel mit Augenmaß vorantreiben

Landshut. Rund ein Viertel der Kinder und Jugendlichen in Deutschland zwischen zehn und 17 Jahren zeigt anhaltend eine problematische Nutzung von digitalen Medien, wie Zahlen einer aktuellen Untersuchung der DAK zusammen mit der Uniklinik Hamburg-Eppendorf zeigen. Hochgerechnet sind das 1,3 Millionen Kinder und Jugendliche und damit rund dreimal so viel wie vor der Pandemie. Suchtkriterien erfüllen sechs Prozent aller Kinder und Jugendlichen. Heißt: Sie vernachlässigen Aktivitäten, setzen den Konsum trotz Leidensdruck und negativer Konsequenzen fort, erleben Kontrollverlust. Obwohl die absoluten Zahlen im Vergleich zu 2022 etwas rückläufig ist und die Mediennutzungszeit in der Freizeit insgesamt leicht stagniert, alarmieren die Suchtzahlen und die damit verbundenen Konsequenzen den Bezirk Niederbayern als Träger psychiatrischer Einrichtungen in der Region.

Dr. Tanja Hochegger ist Chefärztin der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Landshut. Sie sagt: „Wir wissen, dass unsere Patienten, die Medien exzessiv nutzen, andere Probleme wie soziale Isolation, Depressionen, Ängstlichkeit, Selbstwertdefizite oder auch ADHS damit kompensieren wollen. Wir wissen auch, dass das Belohnungssystem bedient wird, etwa durch viele ,Likes‘. Für die Entwicklung einer Abhängigkeit ist allerdings nicht die Expositionsdauer entscheidend, sondern die persönliche Vulnerabilität. In jedem Fall ist die Behandlung digitaler Abhängigkeiten für alle Beteiligten, auch für die Kinder- und Jugendpsychiatrie eine große Herausforderung.“

Deshalb sei es wichtig, schon in jungen Jahren ein „normales Medienverhalten“ zu vermitteln. „Zielführender als ein Verzicht auf digitale Medien ist eine altersentsprechende Nutzung verbunden mit guter Aufklärung und Präventionsarbeit“, so Dr. Hochegger. Dem Alter und Entwicklungsstand entsprechend brauche es ein qualitatives Heranführen zur Medienkompetenz. „Hier spielen natürlich die Eltern, aber auch Schule und Politik eine entscheidende Rolle. Der alleinige Verzicht auf Medien im Schulalltag ohne attraktive Alternativen und Blick auf das Verhalten außerhalb der Schule wird keine Option sein. Die Etablierung von Medienklassen ohne klares Konzept muss ebenso kritisch betrachtet werden.“ Eine gute Nachricht sei, dass erste Präventionsmaßnahmen bereits Wirkung zeigten. „Sie müssen weiter intensiviert, ausgebaut und mit den entsprechenden finanziellen Mitteln ausgestattet werden“, so Dr. Hochegger.

Prof. Dr. Matthias Keller, Chefarzt der Kinderklinik Dritter Orden in Passau und enger Kooperationspartner des Bezirkskrankenhauses Passau, sagt: „Gerade in jungen Jahren erlernen wir Grundfähigkeiten, die für unsere spätere Entwicklung unverzichtbar sind. Bücher und Stifte sind dabei wichtige Werkzeuge im Lernerwerb. Gut gemeint ist allerdings nicht immer gleich gut gemacht. Klar ist, dass wir Kinder an den Umgang mit digitalen Medien strukturiert heranführen müssen. Aber bei der Vermittlung von Grundfertigkeiten und Wissen zu früh und zu stark auf Laptops und Tablets zu setzen, wäre verkehrt. Wir müssen aufpassen, dass wir keine Fehler machen, die wir später bereuen.“

Die Art und Weise, wie Kinder und Jugendliche auf spätere Herausforderungen vorbereitet und mit Fertigkeiten, Fähigkeiten und Kompetenzen „ausgestattet“ würden, habe langfristige Konsequenzen für das einzelne Kind, aber auch für die Resilienz und Innovationskraft der Gesellschaft im Gesamten, so Prof. Dr. Keller weiter. Laptops und Tablets seien nicht geeignet, um Kindern und Jugendlichen den Umgang mit den sozialen, gesellschaftlichen, fachlichen und intellektuellen Fragestellungen der Zukunft zu vermitteln. „Ich appelliere dafür, die Digitalisierung als Mittel des Lernerwerbs und der Wissensvermittlung insbesondere an den Grundschulen und frühen Jahrgangsstufen mit Bedacht voranzutreiben.“

Bezirkstagspräsident Dr. Olaf Heinrich: „Die Behandlungszahlen in unserer Kinder- und Jugendpsychiatrie sind in den vergangenen Jahren stetig gestiegen. In dieser Lage dürfen wir die Jüngsten unserer Gesellschaft nicht überfordern. Digitalisierung ist wichtig und inzwischen integraler Bestandteil unseres Alltags, der technologische Wandel sollte allerdings mit Augenmaß vorangetrieben werden. Die Politik muss dabei auf die Expertise unserer Medizinerinnen und Mediziner hören. Wir müssen die Warnungen vor einer Überforderung der Kinder- und Jugendlichen ernst nehmen – und, wie etwa in Schweden und Dänemark geschehen, unseren Kurs wenn nötig korrigieren.“  Dass Fachleute wie Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer vom Universitätsklinikum Ulm bei einer Fachveranstaltung des Bezirks Niederbayern im vergangenen Jahr zu größter Vorsicht beim Einsatz digitalen Medien in Grundschulen aufgerufen haben, müsse Gehör finden und zu politischen Konsequenzen führen.

 Beim bayerischen Philologenverband rückte das Thema der Frühdigitalisierung nach einer Umfrage unter seinen Mitgliedern ebenfalls in den Fokus. Denn: Eine große Mehrheit der befragten Lehrkräfte sprach sich laut einer kürzlich veröffentlichten Studie des Verbandes gegen zu viel Digitalisierung im Unterricht aus – gerade in den unteren Jahrgangsstufen. Demnach wünschten sich 89 Prozent der 3500 befragten Lehrkräfte einen stärkeren Fokus auf analoges Lernen mit Heft oder Büchern und weniger digitale Endgeräte im Unterricht. Der Philologenverband stellte sich damit ein Stück weit gegen den Kurs des bayerischen Kultusministeriums, Kindern und Jugendlichen bereits früh den Zugang zu digitalen Endgeräten zu ermöglichen.

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