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Auf Zeckenpirsch …

Auf Zeckenpirsch …

 

Auch in den Städten tummeln sich Zecken im hohen Gras. Wo genau lauern die Blutsauger und wie viele sind es überhaupt? Auf Zeckenpirsch mit dem Biologen Martin Komorek.

Derzeit untersucht der Zeckenexperte die Aktivität der Blutsauger im städtischen Raum. Dass Zecken auch auf Spielplätzen oder im eigenen Garten auf Beute lauern, ist vielen Menschen nicht bewusst.

 

Weiße Flagge als Jagdinstrument

Der Biologe Martin Komorek packt seine Zeckenflagge aus: ein weißes, weiches Flanelltuch, das er an einem gewöhnlichen Schrubberstiel befestigt hat. Damit lassen sich die Zecken von den Gräsern und Blätter streifen. Es ist mit Metallfäden durchwirkt, damit es schwerer auf der Vegetation lastet.

Der Übertritt der Zecken auf das Tuch oder auf vorbeiflanierende Menschen erfolgt dabei passiv. „Die Beine der Tiere sind mit Häkchen bestückt“, erklärte der Zeckenexperte. Damit verfangen sie sich am Fell von Tieren, häufig Mäusen, oder eben auch an menschlicher Haut und Kleidungsstoffen.

Von dort aus begeben sie sich auf Wanderschaft über den Körper. Die Krabbler bevorzugen gut durchblutete, zartere, eher feuchte Hautpartien. Besonders beliebt sind die Kniekehlen. Aber auch in den Leisten, am After oder in den Achseln lassen sie sich nieder. Bei Kindern findet man sie häufiger auch am Kopf.

Das Tückische: Zecken sind im hungrigen Zustand winzig, und anders als Mückenstiche verursacht ihr Biss keinen Schmerz und keinen Juckreiz. Gut für die Tiere: „Sie wollen ja über Tage unentdeckt bleiben“, sagt Komorek.

 

Der Zecken-Radar erfasst den Klimawandel

Komorek ist Geschäftsführer von „tick-radar“ (tick, engl. für Zecke). Das Unternehmen erforscht unter anderem den Einfluss von Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Wind und Sonneneinstrahlung auf Verhalten und Ausbreitung von Zecken.

All das hat sich im Zuge des Klimawandels schon verändert – und wird sich noch weiter ändern. Insgesamt sind Zecken dank zunehmend milder Winter auf dem Vormarsch. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit, sich über einen Stich der Winzlinge mit Krankheitserregern zu infizieren.

 

Zeckenarten in Mitteleuropa

 

 

Infektion mit einem Biss


Das sind zum Beispiel die Borrelien – Bakterien, die Borreliose auslösen. „Rund 40 Prozent der

Zecken sind damit infiziert“, berichtet Komorek.

Erkennbar ist eine Borreliose oft an einem roten Ring (Wanderröte), der sich etwa 30 Tage nach dem Stich um die Einstichstelle ausbreitet. Auch grippeähnliche Symptome sind möglich. Häufig verläuft eine Borreliose aber auch symptomlos. Das Fatale: Die Erkrankung kann langfristig Nervensystem, Gelenke und das Herz schädigen.

Gegen Borrelien helfen Antibiotika. Diese Medikamente wirken allerdings nicht gegen die Erreger der deutlich gefürchteteren Frühsommer-Meningoenzephalitis, kurz FSME. Das ist eine entzündliche Hirnerkrankung, die von Viren hervorgerufen wird. Etwa ein bis vier Prozent der Zecken tragen FSME-Viren in sich. Anders als gegen Borrelien gibt es gegen diese Erreger eine Impfung. Und sie wirkt: 98 Prozent der registrierten FSME-Patienten und Patientinnen waren ungeimpft.

 

Die meisten bleiben ungeimpft

Einen Impfstoff gegen FSME produziert die Firma Pfizer, die auch Komoreks aktuelles Projekt finanziert. Die Impfung ist allerdings nicht sonderlich beliebt: Je nach Region seien in Deutschland nur zwischen vier und 40 Prozent der Einwohner von Gegenden mit hohem FSME- Risiko geimpft, hieß es kürzlich auf dem 16. Kongress für Infektionskrankheiten und Tropenmedizin. „Die früheren Impfstoffe waren weniger gut verträglich“, erklärt Komorek. Das sei im kollektiven Gedächtnis hängen geblieben.

Der Biologe zieht seine Fahne systematisch über höhere Gräser, die unter Büschen sprießen, und tiefhängendes Blattwerk. Auf kurzgeschorenem Gras kommen Zecken hingegen kaum vor: „Da ist es ihnen zu trocken. Zecken brauchen vor allem Feuchtigkeit“, so der Biologe. Daher klettern die Tiere meist nur zehn bis 15 Zentimeter an Halmen und Ästen empor. „Nur die ausgewachsenen Tiere findet man mitunter auch etwas höher, da sie stärker sklerotisiert, also gepanzert sind“, berichtet der Experte.

Eine Gruppe junger Leute, die auf der Wiese neben dem Bach lagert, ist somit aus dem Schneider. „Solange sie nicht ein Bedürfnis ins Gebüsch treibt“, sagt der Zeckenexperte.

 

Regen: Gut für Zecken, schlecht für Jäger

An diesem Sonntag Anfang Juli sind die Jagdbedingungen für Komorek nicht ideal. Noch am Morgen hat es tüchtig geregnet – gutes Wetter für die Zecken, schlechtes für den Jäger. Die Zeckenfahne wird schnell feucht, und die Krabbler haften dann nicht sonderlich gut an ihr.

Zentimeter um Zentimeter inspiziert der Biologe nach dem Beutezug den weißen Flanell. Ein paar Krümel entpuppen sich als Fehlalarm. Letztendlich bleibt das Plastikröhrchen, in dem er seine winzige Beutetiere aufbewahren will, erst einmal leer. „Das bedeutet im Umkehrschluss aber nicht, dass hier keine Zecken sind“, betont Komorek.

Am Vortag hat er trotz stärkeren Regens immerhin 18 Exemplare am „Flaucher“-Ufer weiter oben an der Isar erbeutet. „Da scheinen deutlich mehr unterwegs zu sein“, sagt Komorek. Er führt das darauf zurück, dass im Englischen Garten Laub entfernt wird. Daher leben hier weniger Mäuse, die Lieblingswirte der Zecken.

 

Mit einer Blutmahlzeit zur Geschlechtsreife

Komorek präsentiert seine Isarbeute im transparenten Plastikröhrchen. Am besten erkennt man die erwachsenen Weibchen. Sie sind deutlich größer als die Männchen und haben einen knallroten Hinterleib.

Die meisten der Krabbler sind jedoch winzige Jungtiere, sogenannte Nymphen, gerade mal einen Millimeter groß. Sie müssen sich noch einmal häuten, bis aus ihnen erwachsene Zecken werden. Und für diesen Entwicklungsschub benötigen sie eine Blutmahlzeit. Allerdings können auch sie schon Krankheitserreger übertragen, die ihnen von einem infizierten Muttertier mitgegeben wurden.

Komorek verstaut das Beuteröhrchen wieder in seinem Rucksack. In seinem Heidelberger Labor wird später die jeweilige Art bestimmt, anschließend werden die Spinnentierchen für spätere Forschungszwecke in Alkohol konserviert.

 

Abendliche Zeckeninspektion

Zwei junge Männer bleiben interessiert stehen und beobachten das Geschehen. Ob sie sich selbst vor Zecken schützen? „Klar“, sagt der der Blonde, „wenn ich durchs hohe Gras gehe, suche ich mich abends ab.“ Dabei wandert sein Blick automatisch über seine kurzbehosten Beine. Auch impfen lassen habe er sich, berichtet er. Sein dunkelhaariger Kumpel zuckt mit den Schultern: „Ob ich geimpft bin? Keine Ahnung.“

Den Körper nach einem Streifzug durchs Grüne abzusuchen, ist ohnehin auch für Geimpfte eine sinnvolle Aktion. Und zwar möglichst zeitnah, bevor die Zecke überhaupt sticht. „Die Tiere krabbeln oft stundenlang über den Körper, bis sie sich irgendwo festsetzen“, sagt Komorek. FSME wird dann, sofern das Tier infiziert ist, gleich zu Beginn mit dem Speichel übertragen.

 

Zwölf Stunden Zeitfenster bis zur Infektion

Die Borrelien aber sitzen im Verdauungstrakt der Tiere. Sie lösen sich erst nach und nach im Kontakt mit dem roten Blutfarbstoff Hämoglobin. Erst nach einem Zeitfenster von frühestens zwölf Stunden gelangen die Erreger in den Körper des Opfers. Idealerweise entdeckt man die Blutsauger in diesem Zeitfenster und entfernt sie so noch rechtzeitig.

„Die Zecken behalten nicht das gesamte Blut im Körper, sie filtern die festen Bestandteile heraus“, berichtet der Experte. Das Serum speien sie zurück in die Blutbahn des Wirts – und damit irgendwann auch die Krankheitserreger.

 

Auch wenige Zecken sind keine Entwarnung

Komorek richtet sich auf, schüttelt Pflanzenpartikel aus dem Tuch und macht sich bereit für den nächsten Flaggengang. Genau 20-mal wird seine Fahne zehn Meter weit über die Vegetation an unterschiedlichen Stellen am Münchener Eisbach ziehen. Mit jeder Ortsbegehung deckt er auf diese Weise ziemlich genau 200 Quadratmeter ab. Das macht die Zeckensafaris ein Stück weit vergleichbar.

Am Ende dieses Tages hat Komorek nur eine magere Ausbeute vorzuweisen: Gerade mal zwei Zecken krabbeln in seinem Plastikröhrchen umher, deutlich weniger als am Vortag. Ein Grund zur Entwarnung ist das nicht: Schon ein Zeckenbiss kann einer zu viel sein.

Quelle: https://www.netdoktor.de/magazin/auf-zeckenpirsch-am-muenchner- eisbach/?utm_campaign=Spezial_Die+wichtigsten+Storys+2023+%282183353+- +NetDoktor.de%29&utm_medium=email&utm_source=sendinblue

 

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