Was macht einen guten Lehrer aus?
Von Sebastian Eder und Timo Steppat (Auszüge)
…. Die große Frage, was einen guten Lehrer ausmacht, ist nicht leicht zu beantworten. Josef Kraus hat sich viele Jahre darüber Gedanken gemacht. Als Direktor eines bayerischen Gymnasiums ist er häufig selbst in die Vertretungsstunden gegangen und hat den Schülern ein Angebot gemacht: Entweder macht er als Deutschlehrer eine Stunde Grammatik mit ihnen, oder die Schüler sollten ihm erzählen, was aus ihrer Sicht einen guten Lehrer ausmacht. Weil sich fast keiner für Grammatik entschied, erfuhr Kraus viel. Am Anfang der Schullaufbahn, in den fünften Klasse, ging es vor allem darum, welche Lehrer sympathisch und witzig sind, wer bändigen und unterhalten kann. „Mit 15, 16, wenn es mehr Richtung Abitur ging, legten die Schüler größeren Wert auf die fachlichen Fähigkeiten, auf wirklich guten Unterricht“, sagt Kraus. Mit der Zeit hat Kraus neun Punkte für sich entwickelt, die einen guten Lehrer ausmachen:
- Kann gut erklären, weil er fachlich souverän ist. Kann spannend erzählen.
Das ist für Kraus der vielleicht wichtigste Punkt. „Wenn ein Physik- oder Geschichtslehrer sein Fach so begriffen hat, dass er begeistert davon berichten kann, steckt er damit automatisch die Schüler an.“
- Ist ein Vorbild an Neugier.
- Ist gerecht. Das impliziert, dass er unter Umständen auch streng sein kann/muss.
- Ist politisch neutral, aber durchaus engagiert.
- Ist Chef im Ring, ohne es immer zeigen zu müssen.
- Ist bei aller gebotenen Loyalität souverän auch gegenüber der Obrigkeit.
- Zeigt, dass er junge Menschen mag. Traut ihnen etwas zu, mutet ihnen aber auch etwas zu.
- Behält auch mal etwas für sich, wenn die Eltern es nicht unbedingt wissen müssen.
- Räumt auch selbst mal einen Fehler oder eine Schwäche ein.
So ein Lehrer zu werden ist schwer. Die Lehrerausbildung könne vieles leisten, glaubt Kraus als ehemaliger Präsident des Lehrerverbandes, „aber das meiste ist in der Persönlichkeit angelegt“. Es gehe darum, die Richtigen für den Beruf zu begeistern. Kraus hat deshalb manche Abiturienten angesprochen, von denen er glaubte, dass sie ein guter Lehrer werden könnten. Sie brachten eine Mischung aus fachlicher Begeisterung und Alleinunterhalter-Qualitäten mit. Manche winkten gleich ab. „Dann muss ich mich ja mit Leuten wie mir rumschlagen“, hat einer zu Kraus gesagt.
Die andere Herausforderung sei es, die Falschen vom Lehramtsstudium abzuhalten oder rauszuziehen, wenn sie einmal drin sind. Er selbst hat manchmal Praktikanten, bei denen er das Gefühl hatte, dass sie Schwierigkeiten im Job bekommen könnten, auf seine Bedenken hingewiesen. „Der Lehrerberuf kann sehr erfüllend sein“, sagt Kraus. „Aber wer dafür nicht gemacht ist, den quält es.“ ….
… Seit Jahren besagen Studien wie Iglu oder Pisa, dass Lehrer entscheidend sind für den Lernerfolg. Sie können, wenn sie gut sind, die Schwächen des Schulsystems ausgleichen. Der australische Bildungsforscher John Hattie etwa wertete vor einigen Jahren englischsprachige Metaanalysen zur Unterrichtsqualität aus, Zehntausende quantitative Einzeluntersuchungen. Hattie schreibt, dass die gängigen Rezepte zum Bildungserfolg – kleine Klassen, offener Unterricht oder jahrgangsübergreifendes Lernen – wenig helfen. Besonders positiv sollen sich dagegen direkte Ansprache, der vielfach verschriene Frontalunterricht und Leistungsüberprüfungen auswirken. Kurz: Es braucht den Superlehrer.
Dabei geht es Hattie um Leistung, nicht um Noten. Der Einfluss der Lehrer kann überragend sein, heißt es bei ihm, wenn sie ständig an den Schüler denken und daran, was er braucht. Josef Kraus, der ehemalige Lehrerverbandspräsident, atmet schwer, wenn es um die Überhöhung seines Berufs geht. „Es entsteht der Eindruck, dass Lehrer allein das Bildungssystem und die Schule retten können“, sagt er. Ein Drittel hänge von den Rahmenbedingungen ab, die die Politik schaffe, glaubt Kraus, ein Drittel vom Schüler selbst – und ein weiteres Drittel trage der Lehrer zum Lernerfolg bei.
Vollständiger Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 16. August 2020
Dieser Auszug mit freundlicher Genehmigung von Josef Kraus
Foto: klartext.LA

