Medienkonsum bei Kindern: Suchtberatung sieht wachsenden Beratungsbedarf
Experten berichten von steigenden Fallzahlen und noch vielen offenen Fragen zu den Folgen
Tauschten sich zum „Welttag der psychischen Gesundheit“ aus (v.l.): Josef Kandler, Vorstandsmitglied des Kreiscaritasverbandes Deggendorf, Christian Hadersdorfer, Leiter der Caritas-Suchtberatung Deggendorf, Manuela Stephan, Vorstandsvorsitzende des Kreiscaritasverbandes Deggendorf, Bezirkstagspräsident Dr. Olaf Heinrich und Landrat Bernd Sibler.
Medienkonsum von Kleinkindalter an und seine Gefahren: Akuter denn je – mit ungewissem Ausgang
Zum „Welttag der psychischen Gesundheit“ tauschte sich Bezirkstagspräsident Dr. Olaf Heinrich mit Experten der Suchtberatung aus
Deggendorf. Zum „Welttag der psychischen Gesundheit“ am 10. Oktober und der darauffolgenden bundesweiten Aktionswoche der Seelischen Gesundheit hat sich Bezirkstagspräsident Dr. Olaf Heinrich vorab mit Vertreterinnen und Vertretern der Caritas Deggendorf sowie Landrat Bernd Sibler ausgetauscht. Ein kritisches Gespräch zu den aktuellen Problemen unserer Zeit und den großen Gefahren für unsere Kinder und Jugendlichen.
Alkohol, Drogen, Medikamentenmissbrauch oder auch Glücksspiel – die Bandbreite der Suchterkrankungen, mit denen die Beraterinnen und Berater der Caritas Fachambulanz für Suchtprobleme Deggendorf tagtäglich zu tun haben, ist groß. In knapp 3900 Terminen wurden im vergangen Jahr 487 Männer und Frauen in der Anlaufstelle mitten in der Stadt beraten. Vertraulichkeit steht hier an oberster Stelle. Denn die Suchtthematik ist immer mit Scham besetzt, so Einrichtungsleiter Christian Hadersdorfer. Mit Zweidrittel der Fälle stellt Alkohol noch immer die Hauptsubstanz dar, zu der beraten wird. „Wir sind eine trinkende Gesellschaft.“ Darauf folgen Opiate. Glücksspiel liege beispielsweise bei knapp zehn Prozent, Cannabis bei etwa zehn Prozent.
Doch es ist ein Bereich, der sich immer bemerkbarer macht, den Experten Sorgen bereitet, aber noch nicht einmal einen Terminus besitzt: Medienmissbräuchliches Verhalten und die Folgen daraus. Denn diese sind heute noch gar nicht absehbar, sagt Hadersdorfer. „Aktuell sehen wir vor allem junge Erwachsene in diesem Bereich.“ Denn in der Suchberatung dürfe erst ab Volljährigkeit behandelt werden. „Die erste Generation, die wirklich mit dem Handy groß wird, wird gerade erst volljährig“, gibt der Einrichtungsleiter zu bedenken. „Daher wissen wir alle noch gar nicht, was am Ende herauskommt. Aber wir bemerken schon jetzt, dass die Fallzahlen steigen und Eltern verzweifelt für ihre Kinder anfragen.“
Experten mitunter ratlos
Im Verbund mit den zwölf Beratungsstellen in Niederbayern und der Oberpfalz beobachte und diskutiere man die Entwicklung sehr genau. „Wir sind mitunter wirklich ratlos, weil es zum Medienbereich noch sehr wenige Erkenntnisse und auch keine ICD-10-Codierung gibt. Oder anders gesagt: Die Betroffenen haben die entsprechenden Symptome, aber keine offizielle Diagnose und gelten dementsprechend noch gar nicht als süchtig.“ Bis sich das ändert, wird es noch Jahrzehnte dauern, schätzt der Einrichtungsleiter. Aktuell gäbe es für Verhaltensstörungen – wie eine internetbezogene Störung – bestenfalls Psychotherapie. Also eine Einzelmaßnahme ohne Behandlungsmanual. Dabei verschärfe sich die Situation der Psychotherapeuten derzeit sowieso, die Zahl der verfügbaren Plätze schrumpfe. Das unterstreicht auch Dr. Heinrich: „Unsere Stationen in den Bezirkseinrichtungen, die sich um Suchterkrankungen kümmern, sind zu jedem Zeitpunkt überlastet.“
Was also tun? „Abstinenz funktioniert beim Thema Medien nicht. Selbst für eine Busfahrt braucht man heutzutage ein Handy“, sagt Hadersdorfer und verdeutlicht dies mit einem überspitzten, aber sehr verständlichen Beispiel: „Die Situation wäre für den Mediensüchtigen so, als würde ein Alkoholiker in den Bus einsteigen, eine Bierflasche öffnen, daran riechen, sie vorzeigen und sich dann hinsetzen. Aber trinken darf er nicht.“ Daher sei derzeit das einzige Mittel, Selbstkontrollmechanismen zu erlernen. Doch man wisse noch viel zu wenig, um effektiv arbeiten zu können. „Wir sind ein großer Versuchsballon. Die Folgen des Medienkonsums von Kleinkindalter an bekommen wir erst nach und nach präsentiert.“
„Zu den klassischen Suchtherausforderungen wie Alkohol kommt nun also die zusätzliche Herausforderung hinzu und der Beratungs- und Behandlungsbedarf in unserer Gesellschaft wächst weiter“, so Bezirkstagspräsident Dr. Olaf Heinrich. Zum Schutz der Kinder und Jugendlichen hält er es daher für unverzichtbar, über Altersbeschränkungen für gewisse Medien zu diskutieren.
Kinder brauchen Struktur und Grenzen
Mit Sorge blickt auch Manuela Stephan, Geschäftsführerin des Kreiscaritasverbandes in Deggendorf, auf die Entwicklung im Bereich der Medien: „Viele Eltern glauben, ihr Kind ist sicher, wenn es am Handy sitzt. Es fällt nirgends herunter, es wird nicht von einem Auto angefahren, ihm passiert nichts – weil das Kind hier sitzt und ich es immer unter Kontrolle habe.“ Doch: Die große Gefahr, die dabei von dem Handy oder Tablett ausgeht, wird außer Acht gelassen. Aus sozialpädagogischer Sicht sagt Stephan: „Wir leben momentan in einer Phase, in der es wenig Grenzen gibt und auch Eltern wenig Grenzen setzen.“ Wie förderlich solche sind, zeigen die Erfahrungen aus den Kindertagesstätten der Caritas: „Kinder brauchen für eine gesunde Entwicklung Sicherheit. Diese erleben sie in unseren Einrichtungen durch den festen Rahmen im Tagesablauf und durch klare Regeln. Sie wissen, wann gespielt, wann zusammen Brotzeit gemacht, wann geschlafen oder in den Garten gegangen wird. Die Kinder kommen sehr gut zurecht, wenn der Tag eine Struktur hat. In der Elternarbeit ist es zunehmend ein wichtiges und immer wiederkehrendes Thema, Eltern dafür zu sensibilisieren und bei der Umsetzung zu unterstützen.“
„Der Gesellschaft fällt es immer schwerer, die eigenen Probleme in einem guten Maß selbst zu lösen“, stellt auch Landrat Bernd Sibler fest. „Mal etwas auszuhalten, sich durchzubeißen, einfach nur zu sitzen und nichts zu tun, mal runterfahren, seinen eigenen Gedanken nachzuhängen wäre oft schon hilfreich.“ Auch aus den Schulen wird ihm berichtet: Die Schulkinder halten nicht mehr durch, verfügen nur noch über kürzeste Aufmerksamkeitszyklen.
„Wir können sehr froh sein, dass es Anlaufstellen wie die der Caritas gibt“, dankt Dr. Heinrich, betont aber auch: „Wir blicken als Bezirk im Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie auf steigende Zahlen. Eine Entwicklung, die höchst besorgniserregend ist. Doch wir sprechen noch viel zu wenig über die tatsächlichen Ursachen.“ Wie wirksam das jedoch ist, zeigen Ergebnisse zu Früh-Hilfen des Bezirks in Kindergärten: „Wo der Bezirk sehr früh interveniert, brauchen die meisten im Schulalltag keine Hilfe mehr.“ Dies bestätigt auch Manuela Stephan aus der Praxis: „Dort, wo Individualbegleitung erforderlich und in den Kitas und Kindergärten dabei ist, passiert sehr viel. Die Kinder haben wirklich eine Chance, sich zu entwickeln und gut in die Schule zu kommen.“
Noch bis zum 20. Oktober findet deutschlandweit die Aktionswoche der Seelischen Gesundheit statt, an der sich auch mehrere Bezirkseinrichtungen mit (Mitmach-)Aktionen beteiligen – heuer unter dem Motto „Miteinander statt nebeneinander – für eine Gesellschaft, in der jede Psyche zählt”.

